{"id":5160,"date":"2019-04-29T08:30:00","date_gmt":"2019-04-29T06:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/durch-die-haut.de\/?p=5160"},"modified":"2020-06-09T15:17:58","modified_gmt":"2020-06-09T13:17:58","slug":"ein-reisender-englaender-auf-dem-runden-turm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/durch-die-haut.de\/de\/ein-reisender-englaender-auf-dem-runden-turm\/","title":{"rendered":"Ein reisender Engl\u00e4nder auf dem runden Turm"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_5164\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5164\" class=\"lazyload size-full wp-image-5164\" src=\"https:\/\/durch-die-haut.de\/wp-content\/uploads\/ltslohmann-andernach-stadtmauer.jpg\" data-orig-src=\"https:\/\/durch-die-haut.de\/wp-content\/uploads\/ltslohmann-andernach-stadtmauer.jpg\" alt=\"Stadtmauer Andernach\" width=\"1920\" height=\"1080\" srcset=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%27http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%27%20width%3D%271920%27%20height%3D%271080%27%20viewBox%3D%270%200%201920%201080%27%3E%3Crect%20width%3D%271920%27%20height%3D%271080%27%20fill-opacity%3D%220%22%2F%3E%3C%2Fsvg%3E\" data-srcset=\"https:\/\/durch-die-haut.de\/wp-content\/uploads\/ltslohmann-andernach-stadtmauer-200x113.jpg 200w, https:\/\/durch-die-haut.de\/wp-content\/uploads\/ltslohmann-andernach-stadtmauer-240x135.jpg 240w, https:\/\/durch-die-haut.de\/wp-content\/uploads\/ltslohmann-andernach-stadtmauer-400x225.jpg 400w, https:\/\/durch-die-haut.de\/wp-content\/uploads\/ltslohmann-andernach-stadtmauer-480x270.jpg 480w, https:\/\/durch-die-haut.de\/wp-content\/uploads\/ltslohmann-andernach-stadtmauer-600x338.jpg 600w, https:\/\/durch-die-haut.de\/wp-content\/uploads\/ltslohmann-andernach-stadtmauer-768x432.jpg 768w, https:\/\/durch-die-haut.de\/wp-content\/uploads\/ltslohmann-andernach-stadtmauer-800x450.jpg 800w, https:\/\/durch-die-haut.de\/wp-content\/uploads\/ltslohmann-andernach-stadtmauer-960x540.jpg 960w, https:\/\/durch-die-haut.de\/wp-content\/uploads\/ltslohmann-andernach-stadtmauer-1200x675.jpg 1200w, https:\/\/durch-die-haut.de\/wp-content\/uploads\/ltslohmann-andernach-stadtmauer.jpg 1920w\" data-sizes=\"auto\" data-orig-sizes=\"(max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><p id=\"caption-attachment-5164\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 90Grad Photography\/Hilger &amp; Schneider GbR<\/p><\/div>\n<p><strong>Kulturgeschichte<\/strong><\/p>\n<p>Immer schneller, immer weiter, immer mehr. Was heute Touristen antreibt, war schon Reisenden des 19. Jahrhunderts nicht ganz unbekannt \u2013 auch nicht dem reisefreudigen Engl\u00e4nder, um den &#8211; respektive um dessen Tagebuch &#8211; es in der Erz\u00e4hlung \u201eEin Tag auf dem Stadthurm zu Andernach\u201c geht. Friedrich Wilhelm Carov\u00e9, 1789 in Koblenz geborener Jurist, Schriftsteller und Philosoph und von Februar bis August 1816 Einnehmer der Rheinschiffahrtsgeb\u00fchren in Andernach, ver\u00f6ffentlichte sie in seinen 1830 in Frankfurt erschienenen Band \u201eMoosbl\u00fcthen, zum Christgeschenk\u201c.<\/p>\n<h2>Der reisende Engl\u00e4nder<\/h2>\n<p>Im ersten der zw\u00f6lf Tagebuchbl\u00e4tter, auf die sich Carov\u00e9 in seiner Erz\u00e4hlung beruft, beklagt der Engl\u00e4nder, dass die Menschen am liebsten m\u00f6glichst viel und das immer schneller genie\u00dfen wollten, auch und gerade beim Reisen. \u201eSchon ist die Reise klein, wenn sie nur durch Frankreich, Italien, die Schweiz und die Rheingegenden geht&#8230;Bald&#8230;wird es nicht mehr genug seyn, den K\u00f6llner Dom und den heil. Christoph zu M\u00fcnchen, und das j\u00fcngste Gericht in Rom gesehen zu haben, vom Pariser Koth, vom Berliner Sand und vom Wiener Staub sprechen zu k\u00f6nnen&#8230;in einen amerikanischen Urwald und bis zu einer Oase im sandigen Arabien mu\u00df man durchgedrungen seyn, drei Minuten bleiben f\u00fcr den Fall des Niagara und h\u00f6chstens drei Wochen f\u00fcr die Ruinen von Meroe, Persepolis und Ellora&#8230;\u201c.<\/p>\n<p>Da ist es fast ein Gl\u00fcck, dass der reisende Engl\u00e4nder offenbar ein wenig zu blau\u00e4ugig sein Kapital in die Geschicklichkeit der Mechaniker seines Landes, in die Technik der Dampfmaschine und der modernen Verkehrsmittel investiert und dabei viel verloren hat, so dass ihm nur noch wenig Geld zum Reisen bleibt. Deshalb w\u00e4hlt er sich den Rhein als Ziel, dessen von stolzen Burgen und heroischen Ruinen gekr\u00f6nte, von malerischen D\u00f6rfern und St\u00e4dten ges\u00e4umte Ufer f\u00fcr viele seiner Landsleute die Inkarnation der romantischen Landschaft schlechthin sind. Vielleicht hat er f\u00fcr seine Reise schon ein Dampfschiff benutzt; m\u00f6glich w\u00e4re es immerhin, denn bereits am 12. Juni 1816 erreichte der englische Schaufelraddampfer \u201eDefiance\u201c K\u00f6ln und elf Jahre sp\u00e4ter fuhr James Watt jr. mit dem Dampfschiff Caledonia bereits bis nach Koblenz.<\/p>\n<h2>Der erste Blick auf Andernach<\/h2>\n<p>Jedenfalls hat Carov\u00e9s Reisender \u201ealtk\u00f6llnische Kunst\u201c und \u201eneubonnische Wissenschaft\u201c schon pflichtschuldig abgehakt. Nun geht es flussaufw\u00e4rts weiter, vorbei am Siebengebirge mit dem \u201ek\u00fchnen Drachenfels\u201c. Ihm, dem \u201ecastled crag\u201c hatte ein anderer Engl\u00e4nder, George Gordon Byron, der ebenso melancholische wie skandaltr\u00e4chtige Lord, der 1816 das Rheintal auf dem Weg in die Schweiz bereiste, in seinem Epos \u201eChilde Harold&#8217;s Pilgrimage\u201c ein literarisches Denkmal gesetzt, vorbei am \u201elockenden Rolandswerth\u201c, an gr\u00fcnen Rebh\u00e4ngen, durch eine Landschaft, deren Sch\u00f6nheit seine Landsfrau Ann Radcliffe bereits 1794 bei ger\u00fchmt hat, sieht der Engl\u00e4nder \u201eim letzten Abendglanz zu meiner Linken den k\u00fchngew\u00f6lbten Hammerstein, und rechts den gradabsch\u00fcssigen Krahnenberg, zwischen Beiden die pr\u00e4chtigen Th\u00fcrme von Andernach\u201c, wo er einen Ruhetag einlegt.<\/p>\n<p>Die eindrucksvollen T\u00fcrme der Stadtbefestigung und der Pfarrkirche lassen ihn eine gro\u00dfe und heitere Stadt erwarten, \u201e&#8230;aber ich fand nur ein kleines, dumpfes Nest. Doch war die enge Stra\u00dfe voller Menschen; denn am anderen Tage sollte der weitber\u00fchmte Birnkrautsmarkt gehalten werden (i. e. der heutige Michelsmarkt).\u201c Das Urteil des Enlg\u00e4nders best\u00e4tigt ein zeitgen\u00f6ssischer, 1820 in Frankfurt ver\u00f6ffentlichter Reisef\u00fchrer des Geografen und Statistikers Johann Andreas Demian (1770-1845), das \u201eHandbuch f\u00fcr Reisende auf dem Rhein und in den umliegenden Gegenden\u201c. Da hei\u00dft es geradezu vernichtend: \u201eAndernach ist sehr schlecht gebaut, hat winklichte, dunkle Strassen, und nicht ein einziges sch\u00f6nes Geb\u00e4ude.\u201c Der Ort hat, laut Demian, 2379 Einwohner, die Acker-, Wein- und Obstbau betreiben, \u201eViehzucht, Handwerke, Schiffahrt und Handel\u201c. Wichtigste Ware des Rheinhandels sind M\u00fchl- und Tuffsteine aus der nahen Eifel, die ihrer Qualit\u00e4t wegen selbst in Russland und Amerika gesch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p>Derlei n\u00fcchterne Informationen interessieren den reisenden Engl\u00e4nder eher weniger. Stattdessen besteigt er gleich bei Sonnenaufgang den im 15. Jahrhundert als Wart- und Wehrturm errichteten runden Turm, begleitet von dem zuvor bestellten Th\u00fcrmer und klischeehaft ausstaffiert mit Fernrohr, \u201eZeichenger\u00e4the\u201c und einer Flasche Grog. Und wenn ihn auch Andernach an sich nicht begeistert, wenn sich der T\u00fcrmer f\u00fcr die engen Gassen entschuldigt \u2013 die Sch\u00f6nheiten der umgebenden Landschaft begeistern den auch noch gl\u00fccklicherweise des Deutschen m\u00e4chtigen \u201eHerrn Milord\u201c desto mehr. Erst recht, als der T\u00fcrmer ihm die Geschichten, Sagen und Legenden zu den umliegenden Orten zu erz\u00e4hlen beginnt, die er selber aufgeschnappt hat, als der \u201eHerr Schuldirector\u201c einen der \u201eGro\u00dfen von Coblenz\u201c auf den Turm f\u00fchrt. Als dann noch ein \u201ezartes M\u00e4gdlein\u201c, blondbezopft und mit himmelblauem Mieder, um die Mittagszeit mit dem zuvor in der \u201eLilie\u201c, dem auch von Karl Baedeker in seinem Rheinreisef\u00fchrer empfohlenen Gasthaus, vorbestellten Imbiss auftaucht, als sich zwischen ihr und dem Engl\u00e4nder ein kleiner Flirt entspinnt, ist das Gl\u00fcck des Reisenden komplett.<\/p>\n<p>Bildquelle: 90Grad Photography\/Hilger &amp; Schneider GbR<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was heute Touristen antreibt, war schon Reisenden des 19. 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